Leben und Tod einer Alchemistin

Reicht unsere Alltagssprache aus, um vollendende Harmonien zu beschreiben? Es ist die Musik, die Poesie, die Malerei, die bildenden Künste, die uns fern unserer Ratio eine Empfindung über andere Welten  geben können. Einfacher. Vollständiger. Stiller. Voller Staunen und Entzücken.  Wer diesen Weltenklang in sich spüren kann  und darüber hinaus fähig ist, ihn für unsere Wahrnehmung zu formen, verändert uns und verändert  die Welt.
Eva Klinger-Römhild war so ein Mensch, so eine Künstlerin. Mit ihrem Credo zu den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und ihre Kunst, diese in ihrem Zusammenspiel höchstvollendet zum Ausdruck zu bringen, hat sich die deutsche Künstlerin in der internationalen Kunstszene als Keramikerin einen bedeutenden Ruf erworben. Sie wurde am 25. Januar 1945 - noch in den Kriegswirren des 2. Weltkriegs - in Benediktbeuern geboren, wo ihr Vater, der Maler Will Klinger-Franken mit seiner jungen Frau Anita Mueller (aus der Familie des Brücke Malers Otto Müller und des Schriftstellers Gerhart Hauptmann) nach der Zerstörung seines Münchner Ateliers Zuflucht gefunden hatte. Eva Klinger-Römhild starb am 28. Mai 2013 in ihrer Wahlheimat Salzburg. Mit großer Kraft schuf sie in ihrem schon früh begonnenen Künstlerleben ein beeindruckendes Vermächtnis von keramischen Kunstwerken, Objekten und Skulpturen.
Werden, Wandel  und Vergehen
Vor elf Jahren ehrte der »Bayerische Kunstgewerbe-Verein« in München sein langjährig aktives Mitglied bereits mit einer Einzelausstellung in seiner »Galerie für angewandte Kunst«. „Metaphysik in Ton“ so betitelte im Jahr 2003 Dr. Gerhard Hojer, der damalige Vorsitzende des Bayerischen Kunstgewerbevereins sein Vorwort über das Werk der Künstlerin, in dem zur Ausstellung erschienenen,  eindrucksvoll  und vielschichtig gestalteten Katalog: „Eva Klinger-Römhild hat ihre Lebensphilosophie in Kunstwerke aus Ton transformiert mittels der vier antiken Elemente als Wirkmächte der Natur, sichtbar in den Farben ihrer Glasuren, substantiiert in den Materialien ihrer Gebildewelt. In Wahlverwandtschaft zur Kunst Ostasiens birgt sie in immer konsequenter reduzierten Gebildeformen eine Symbolik, die letztlich nur meditativ erfahrbar wird.“
Den Moment des Werdens bestimmen und herausgreifen - für Eva Klinger-Römhild begann er zunächst mit dem Unmittelbaren, mit dem Suchen und dem Finden. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Klaus Römhild, der 48 Jahre lang von ihr begeistert und sie treu in ihrem Künstlerdasein begleitete, sammelte sie zunächst erst einmal das, was sich ihr aus dem immer fortwährenden Schöpfungsakt von Erde - Wasser - Feuer -Luft anbot. In ihren schriftlichen Aufzeichnungen über ihre Arbeit mit den vier Elementen schreibt sie:  
Erde  Erden sammeln. Rote Erde Siena – Weiße Erde – Braune Erde – Schwarze Erde Toskana, Erden – Tone –Getrocknet – Gesiebt – Gewässert – Geknetet. Formbar gemacht. Materialien sammeln. Steine sammeln, wo immer ich Steine finde – Auf Touren entlang von Bächen. An Seen – Am Meer. Carrara Marmor – Carrara – Marmorstaub – Immer wieder Nuancen – Material sammeln. Mich sammeln. Im Einklang sein mit der Natur.  Die Kraft der Natur sichtbar machen – Material spüren. Sehen. Riechen. Fühlen.  Alles vergessen. Konzentration auf den Punkt. Formen – Trocknen – Ton – Steine – Erden – Der Weg – Meinen Weg finden – Immer wieder – Neu suchen. Das ist das Spannende.
Wasser  Erden mit Wasser zu formbarer Masse aufbereitet. Gefäße mit Wasser geformt. Geformte Gefäße – Getrocknet – Wasser verdunstet. Blüten – Holz – Kerne werden getrocknet – Wasser wird entzogen. Das Wasser ist ein wichtiges Element in der Keramik. Gesteinsmehl wird mit Wasser gemischt. Gefäße getrocknet. Mit getrocknetem Material gefüllt - wird gebrannt. Das noch vorhandene Wasser wird den Scherben entzogen. Dieser chemische Prozess ist einer der wichtigsten Punkte beim ersten Brand. Dem sogenannten Schrühbrand. Das chemisch gebundene Wasser wird entzogen. Der Ton verwandelt sich vom löslichen Zustand in eine mit Wasser nicht mehr auflösbare Form. Lavendelasche, Pflaumenasche, Rosenasche,  Melonenasche, Pfirsichasche, Tomatenasche. Formen. Trocknen. Brennen. Aschen. Farbspuren Ton – Steine – Erden – Aschen. Spuren der Vergänglichkeit. Spuren der Farbe – Farbspuren – Zerbrechlichkeit.
Feuer Das Feuer im Brennofen ist für mich elementar. Das Feuer bringt meine Wünsche und Träume in langen Nächten an den Tag. Es bringt das Wesen der Dinge zum Klingen. Die Gefäße bekommen durch Feuer Leuchtkraft und Klang. Alles braucht seine Zeit. Alles hat seine Zeit….Anhalten. Denken. Ich möchte sein: So rot wie das Feuer. So blau wie das Meer. So funkeln wie der Sternenhimmel. So schwarz wie die Nacht. So weiß wie der Schnee. So leicht wie der Wind……..Melonenasche, Pflaumenasche, Lavendelasche, Orchideenasche, Carraramarmor, Carraramarmormehl, Reduktionsbrand. Formen, Trocknen - Wasser entziehen – Brennen – Brennen…..Ton -  Steine – Erden – Aschen – Staub – Gesteinsmehl – Glasur.  Kraft der Farben. Il Superfluo è una cosa necesario in vita.
Luft Die Luft zum Atmen. Die Luft zum Trocknen der Objekte. Bei trockener Luft trocknen die Stücke schneller. Bei feuchter Luft trocknen die Stücke langsamer. Alles braucht seine Zeit. Luftgetrocknet kommen die Arbeiten in den Brennofen zum ersten Brand. Schrühbrand.  Jede Verbrennung braucht Sauerstoff, sprich Luft – nach dem ersten Brand – Schrühbrand -  werden die Stücke über mehrere Tage in vielen Schichten glasiert. Eine neue Glasurschicht kann erst wieder aufgetragen werden, wenn die darunterliegende Schicht luftgetrocknet ist. Nach dem glasieren mit Ascheglasuren und mit Glasuren aus Gesteinsstaub werden die Stücke ein zweites Mal gebrannt – Glattbrand oder Glasurbrand genannt. Ich brenne alle meine Stücke bei reduzierter Atmosphäre. Das heißt: Der  Sauerstoff im Brennofen wird entzogen, indem ich brennbare Mittel - das sind Hölzer, Kerne, Naphtalin und Schalen bei ganz bestimmten Temperaturen in den Brennofen gebe. Beim Reduktionsbrand ist der Luftdruck sehr wichtig. Bei Lufthochdruck  ist die Verbrennung der Reduktionsmittel Holz, Naphtalin, Kerne klar und sauber. Es gibt keinen rußigen Niederschlag, wie das bei Tiefdruck der Fall ist. Lufthochdruck ist das ideale Wetter, die ideale Atmosphäre für meine Brände – Die Glasuren kommen in ihrer ganzen Leuchtkraft zum Vorschein.
Die geschriebenen Worte lassen nur erahnen wie tief Eva Klinger-Römhilds Verbundenheit mit den vier Elementarkräften war. Gänzlich kann man dieses Vermögen nur mit und in ihren keramischen Kunstwerken wahrnehmen und erfassen. Klinger-Römhilds meisterliche Kunstfertigkeit überwindet das traditionelle, europäische Kunsthandwerk der Keramik. Gleich der großen, japanischen Keramik-Tradition, die komplementäre Schönheit im Objekt festhält und nur der meditativen Wahrnehmung preisgibt, hat auch ihre Kunst etwas Selbsterlösendes. Eine persönliche Beschreibung sprengt diese harmonisch gefasste Einheit.  
Wie war dieses Menschenleben, das diese Kunst auf so kraftvolle Art sichtbar machen konnte?
Eva Klinger-Römhild lebte intensiv, liebte Diskurse. War ein alchemistischer Mensch, der auch den Anspruch der  Transformation an die Welt stellte. In erster Linie verspürte sie jedoch den eigenen Prozess im Schaffen. Wie mit ihren Klangschalen hörbar gemacht, gab der »Ton« in allen seinen Aspekten ihr die Kraft des Schaffens. Gleich ihrem Wunsch zu sein wie: „So rot wie das Feuer. So blau wie das Meer. So funkeln wie der Sternenhimmel. So schwarz wie die Nacht. So weiß wie der Schnee. So leicht wie der Wind ...“, konnte sie erdgebunden und dunkel,  wie eine alte Schamanin von Innen die Welt betrachten.  Dann aber wieder  -arabischem Feuer gleich - die Herrschaft erzwingen wollen. Weich und die Grenzen verwischend, allwissend wie Wasser sein.
Leicht wie der Wind wurde sie jedoch erst ganz am Ende ihres Lebens. Auf dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Entwicklung wurde Eva Klinger-Römhild krank. Mit großer Disziplin lebte sie mit der Krankheit fast zehn Jahre weiter. An ihrer Seite ihr Verbündeter, ihr Mann Klaus Römhild. Bis zu dem schrecklichen Ereignis seines Todes an ihrem, von beiden so geliebten Strand in Italien im September 2010. Die tiefe Verbundenheit beider Menschen, die auch ihr ganzes künstlerisches Schaffen mit getragen hat, zerriss jäh und auf unfassbare Weise. Und dennoch liebte sie auch jetzt ihr Leben, trotz großer Einschränkungen arbeitete sie weiter und machte Pläne. Kämpfte gegen Trauer und Krankheit. Lebte wie von einer ihrer wunderschönen, sehr zerbrechlich wirkenden, dünnwandigen, weißen Schalen gefasst. Bis zum 28. Mai 2013. An diesem im Jahr allzu frühen heiß-schwülen Sommertag atmete Eva sich mit ihrem letzten »irdischen Ton« in ein größeres Sein.
Einfach. Vollständig. Still. Wie auch das ihren Tod überdauernde Werk.
Kerstin Riedl-Grünthal