VON DER ALLGEGENWÄRTIGEN KUNST

Die Arbeiten von Eva Klinger-Römhild laden nicht nur zum blossen Schauen ein, sondern zum Meditieren oder gar Philosophieren – über die Nahtstelle zwischen dem, was gemeinhin der freien Kunst zugeordnet wird, und dem, was man als „Kunst-Handwerk“ bezeichnet. Letzteres leidet gemeinhin am Odeur des Dekorativen, des für den alltäglichen Gebrauch Geschaffenen und daher als eine der Funktion dienende Kreativität an mangelnder Anerkennung und Wertschätzung. Es hat jedoch stets grosse Künstler im 20. Jahrhundert gegeben, wie Pablo Picasso, Fortunato Depero, Giò Ponti, Fausto Melotti, Lucio Fontana, Louise Bourgois, um nur einige Beispiele zu nennen, die sich wenig um diese ästhetischen Grenzfragen kümmerten. Sie haben erstaunliche Werke in der Keramik hervorgebracht. Man kann also davon ausgehen, dass sich künstlerisches Schaffen mit der irdenen Materie durchaus vereinen lässt.

Die Werke von Eva Klinger-Römhild lassen aber ausserdem nachdenken über eine quasi antiquierte künstlerische Dimension: „Schönheit“ – ein Begriff, der uns entglitten scheint und in den Nischen geistesgeschichtlicher Forschung überlebt hat. Schönheit gilt als Gegenstand der persönlichen Erkenntnis und tritt – wenn wir dem bedeutenden Gelehrten Hans-Georg Gadamer folgen wollen – „über reine Anschauung in Erscheinung.“ Damit wären eigentlich kunsthandwerkliche Gegenstände aus diesem ästhetikphilosophischen Diskurs ausgeschlossen. Und so sollte es wohl auch sein. Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind jedoch die besten Schöpfungen des Kunst- Handwerks längst aus traditionellen kategorialen Beschränkungen hinausgewachsen und beanspruchen ästhetische „Grösse“ für sich – mit den Worten eines legendären Kenners: „Das Prinzip der Schönheit im Handwerk unterscheidet sich nicht von dem geistigen Gesetz, das allen Dingen zugrunde liegt“ (1927) (S ó e t s u  Y a n a g i)

Eva Klinger-Römhild führt den Beweis. Ihren Werken liegt ein subtiles Austarieren von Volumen im Raum zugrunde, mit dem Ergebnis, dass Gefäss nicht einfach Gefäss ist, sondern geformter Körper. Seine Ummantelung wird dünnwandig zugespitzt und könnte sich so weiter und weiter verlieren. Oder: Massige Kompaktheit definiert das Objekt – keine Wandung im eigentlichen Sinne mehr. Dies sind nur wenige Beispiele aus der Formenwelt Klinger-Römhilds. Es geht dabei stets um skulpturale Ziele: um ein Eindringen oder Vordringen der Gestalt in die Sphäre, die sie dann ausfüllt und in der sie schliesslich ihre plastische Präsenz behauptet. Die Vorgehensweise der Keramikkünstlerin gehört zum Aufwendigsten. Allein die Herstellung der für die Glasur benötigten Substanzen – von Pflaumenkernasche bis Steinmehl – setzt Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit voraus und vor allem Neugier, Wissensdurst und tiefe Kenntnisse um die Beschaffenheit dieser Stoffe, die sich im Ofen einer grundlegenden Wandlung unterziehen. Die Keramik von Eva Klinger-Römhild beansprucht ein kostbares Gut: Zeit. Nicht nur in der Fertigung – sie verdient mindestens die gleiche Spanne an Aufmerksamkeit in Betrachtung und Genuss, denn sie fordert die Sinne zur Gänze.

Eva Klinger-Römhild selbst hat ihre Arbeit den universalen Elementen verschrieben: Erde, Wasser, Feuer, Luft – und damit an allgemeingültige Kräfte gebunden, die nun ihren Werken innewohnen und deren Beständigkeit garantieren – Schönheit eben ausserhalb von Zeit und Raum in kosmischem Einklang.

E l l e n   M a u r e r - Z i l i o l i