WAS EIN GEFÄSS SEIN KANN

Ihre erste eigene Werkstatt befindet sich in Würzburg. Nach drei Jahren, 1970, übersiedelt die Künstlerin in den kleinen Ort Hammer im Chiemgau in der Nähe von Salzburg, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Im historischen Brunnhaus findet ihr Leben statt. Von hier gelangen ihre Werke in die Welt – in das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst, in das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, in Sammlungen nach New York und Tokio. Unzählige Einzelausstellungenund Ausstellungsbeteiligungen wären zu nennen und viele wichtige Auszeichnungen – der Bayerische Staatspreis, gleich zweimal der Internationale Preis für zeitgenössische Keramikkunst Faenza und nicht zuletzt ein Ehrendiplom des Museums von Mino in Japan, der Keimzelle der modernen Keramik. Dieses Ehrendiplom bedeutet die Weihe schlechthin.

Eva Klinger-Röhmhild wird in München hineingeboren in ein künstlerisches Umfeld – geprägt durch ihren Vater, den Maler Willi Klinger-Franken. Es ist jedoch nicht die Malerei, der sie sich zuwendet, sondern eine der ältesten Künste überhaupt – die Keramik.

Kunst heißt „Form-Schaffen“ – bei Klinger-Römhild trifft dies im wahrsten Sinne des Wortes zu. Ihre Suche richtet sich auf eine artikulierte, dichte Formensprache. Charakteristisch für ihr Werk ist die klare Form, die Reduktion auf das Wesentliche. Damit erschliesst sich die Nähe zum Archaischen, Ursprünglichen. Wesentlich ist das Verhältnis von Form und Raum: Das Gefäss als Raum umschliessende Form, Raum begrenzend, Raum verändernd, Raum schaffend.

Schöpfungsprozess
„Vor dem Bedeuten kommt das Machen.“
Ernst von Gombrich

Absolutes Beherrschen der Technik ist die Voraussetzung für eine derartige Virtuosität im Umgang mit dem Material. Höchstes handwerkliches Können bestimmt den Schaffensprozess, das in seiner Selbstverständlichkeit „…vergessen werden kann zugunsten der künstlerischen Inspiration…“. Grosse Gefässe mit kleinen Standflächen und leichtem Gewicht, dünnwandig wie Membranen, Formen mit denen Klinger-Römhild in die Grenzbereiche der Keramikkunst vordringt und damit an die Grenze von Material und Technik.

In der Entmaterialisierung offenbart sich wahre Meisterschaft. Mit höchster Konzentration und Anspannung arbeitet sie „…auf den Punkt hin …“. Das Konzentrieren, Sich-Sammeln, wird zur sinnfälligen Metapher für Gefäss. Eva Klinger-Römhild fühlt sich der Natur verpflichtet. Ihr Kunstschaffen ist begleitet von „…Demut vor der Natur, von Achtung vor dem Material. Es gehört mir nicht wirklich.“ Ihre Kunst aus Asche ist den Elementen abgerungen – Erde, Wasser, Feuer, Luft. Sie selbst nennt es „…ein Sich-Besinnen auf die vier Elemente.“ Form und Oberfläche in ihrer ganz spezifischen Gestaltung sind voneinander nicht zu trennen. Die Glasuren sind reich an fein gestuften Erdtönen. Das Glasieren wird zu einem Prozess wie das vorhergehende Drehen auf einer 300 Jahre alten Töpferscheibe und es dauert ebenso Tage. Glasuren, oft dicker als die Scherben selbst, bestechen durch ihre Farbgebung. Diese entstammt verschiedenen P f l a n z e n a s c h e n . Eva Klinger-Römhild sammelt alles, was die Natur hergibt: Pflaumenkerne, Rosenholz, Lavendelholz, Carrarastaub, Pfirsichkerne, Toskanische Erde, Melonenasche, Farnasche.

„Die künstlerische Sinnlichkeit beginnt bei der Technik. Das Material, das der Künstler sich wählt, ist schon ein Ausdruck seiner Formfindung.“
Heinrich Wölfflin

Manchen Gefässen ist ein besonderer metallischer Glanz, ein Funkeln zu eigen, Spuren der Fingerspitzen, denn „…zwischen den Fingern der Staub gibt den Glanz.“ Das Übergeben der Form an das Feuer empfindet die Künstlerin als einen ambivalenten Prozess zwischen Loslassen und Anspannung. Künstlerische Assistenz ist das Feuer selbst. In diesen „Stunden der Wahrheit“ wird die Werkstatt mit Wetterstation zum Lebensraum, zum Labor und Wartezimmer. Von der Arbeit an einem mittelgroßen Gefäss, welche etwa fünf Wochen dauert, benötigt der Brand etwa eine Woche, in der manche Gefässe bis zu fünfmal gebrannt werden. Eva Klinger-Römhild spricht von einer „Dynamik der Aschen“, deren Farbe das künstlerische Elixier bildet. Sie spricht von der „…Glasur als lebendige Haut, von der Haut des Gefässes…“, welches das Vergängliche und das Zerbrechliche zum Ausdruck bringt – lebendiges Funkeln, Glanz, Schimmer, die Bewegung des Lichts auf der Oberfläche, die das Werk beleben. Eva Klinger-Römhilds zeitlose Formensprache besticht durch starke Präsenz. Ihre Werke implizieren die Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter. Die sinnliche Qualität ihrer Objekte wecken den Wunsch, die Formen zu berühren, zu umschliessen. Gleichzeitig wird eine starke meditative und sakrale Ausstrahlung spürbar, welche Distanz und Respekt fordert. Die Künstlerin bringt die Form zum Sprechen. Ihr Werk ist ausdrucksstark, gekennzeichnet von Schlichtheit und Reife, von Stille, großer Ruhe und Zeitlosigkeit. Kraft und Zerbrechlichkeit sind das Wesen der Keramik. In ihrer höchsten Vollendung wird sie zum sinnlichen Ereignis. Zu Kunst in ihrer unmittelbarsten Form.

E r i k a   O e h r i n g , Salzburg, Juni 2003