EIN GESCHENK

Vor einigen Jahren brachte uns Eva Klinger-Römhild einen kleinen flachen Stein mit, eigentlich eine Platte, ein quadratisches Stück Keramik, Seitenlänge 4,5 Zentimeter, Höhe 0,6 bis 0,7 Zentimeter, schwarz-braun. Die Platte ist bei dem Brand etwas aus dem Lot geraten. Wirklich nur ein klein wenig: An einer Seite biegt sich der Rand leicht auf, an einer anderen Seite gibt es oben einen durch Quetschen entstandenen winzigen Überstand, die dritte Seite fällt kaum sichtbar schräg ab, und die vierte verfärbt sich nach links. Die Ober- und Unterseiten unterscheiden sich durch unterschiedlichen Glanz. An der Oberseite sieht man einige etwa p a r a l l e l verlaufende Glanzlinien, drei, vier, fünf, je nachdem, wie das Licht darauf fällt. Sie enthalten wohl eine Botschaft, die aber durch ein doppelt gelegtes braunes Wollband, das um die Platte – ein Brief? – gebunden ist und unten in einem zipfeligen Knoten endet, verschlossen bleibt. Dieses Stück liegt bei uns von Anfang an nahe der abgerundeten Ecke eines grünen Schrankes, in Griffhöhe. Unsere Enkel Max und Clemens kennen es gut, sie haben sofort begriffen, dass es ein Kunstwerk ist. Sie stehen manchmal davor und schauen es an, und sie überlegen sicherlich genau wie ich, was es bedeutet.

Jetzt habe ich es, selten genug, in die Hand genommen und neben mich gelegt. Beim Betrachten verliert es allmählich seinen Brief-Charakter, seine Dimension, und ist jetzt ein geheimnisvolles, übergroßes Bauwerk aus irgendwelchen Urzeiten, verschlossen und doch inwendig bewohnt. Der Wollfaden verschlingt Feinde. Auch bei anderen Keramiken Eva Klinger-Römhilds habe ich diese Erfahrung gemacht: Dass die Dinge ihre Dimension wechseln. Sogar sie selbst ist jedesmal verschieden gross, es gelingt ihr, dem Erinnerungsbild, das man von ihr hat, zu widersprechen. Sie nimmt sich die Freiheit. Wir haben außerdem zwei ihrer kleinen Schalen und vier ihrer „Steine“. In einer dieser Schalen (oberer Durchmesser 9,5 Zentimeter) hat meine Frau Blüten von Immortellen oder Strohblumen (helichrysum bracteatum) gelegt, in die andere (Durchmesser 9,2 Zentimeter) eine Blüte der Silberdistel (Carlina acaulis), etwas Leichtes, Engelflügelartiges: Man muss diesen Schalen die Chance geben, davonzufliegen. Kein Apfel, keine Birne, nicht einmal Kirschen dürfen sich ihnen nähern.

Die Glasuren sind, wie stets bei Eva Klinger-Römhild, steinfarben, sie lassen sozusagen, wie es einer ihrer Onkel, der Zigeuner-Mueller, getan hat, etwas Leinwand stehen. Ihre Glasuren verhüllen, sie fassen die Gefässe (und anderes) ein. Auch das scheint ihrem Wesen zu entsprechen. Als sie sich als sehr junge Frau – sie hatte gerade vorzeitig ein vornehmes Internat verlassen – in Berchtesgaden bei Rainer von Hoesslin vorstellte, erschien sie in einem langen schwarzen Mantel, das schwarze Haar hochtoupiert, sie selbst als eine andere. In einem Film der letzten Zeit war sie Araberin. Wie ihre Steine ist auch sie nach aussen und innen gekehrt, eine paradoxe Erscheinung. Sie wirkt lebhaft in die Welt hinein – von einer Höhle aus. Sie ist eine Frau des hellen Tages – und arbeitet nachts. Sie ist unglaublich passend und wunderschön gestylt, unverwechselbar – und möchte nicht auffallen. Sie wirkt, als hätte sie’s nicht nötig – und ist die disziplinierteste und ausdauerndste Handwerkerin. Sie könnte ein Wesen des schillernden Manierismus sein – und möchte am liebsten in der Natur aufgehen.

Ich betrachte unsere vier „Steine“. Alle vier sind eigenartige Wesen, norddeutsch-handfest der eine, doch nicht so standsicher, wie man meint, der zweite könnte ein versteinertes Seetier sein, der dritte ist an der Oberfläche gekerbt, nur ganz flach, aber eine solche Spannung erzeugend, dass die Steinhaut gerissen ist, und der vierte, kleinste, wunderbar braun-violett-grün changierend, kostbar glänzend, mit sechs kleinen Punkten auf der Oberfläche, ist ein besonderes Schmuckstück, vielleicht kann man ihn eines Tages öffnen und findet darin eine Perle oder eine Nachricht. Wir warten.

J o a c h i m  K r u s e , Coburg, 16.6.2003