Was bleibt? Gedanken zum Werk

Was mir beim Namen von Eva Klinger-Römhild einfällt? – Zuallererst die kirchenglockengleichen Töne, klar und rein, wenn man ihre grossen, offenen, in der Kontur Halbkreisen angenäherten Kummen auf den kleinen Standflächen mit den Fingerknöcheln anschlägt. Glockenreiner Klang spricht für klare Anschauung und lautere Absichten! Und: Aus wenigen Klängen eine grosse, eingängige und nicht wieder aus dem Kopf gehende Melodie entstehen zu lassen, solches verbindet sich bei mir mit dem keramischen Schaffen und dem Werk der Eva Klinger-Römhild. Welch klare Klänge! Das will heißen, sie weiss sich zu beschränken in ihrem formalen Repertoire: Da sind eben diese K l a n g -Kummen, grosse, mittlere und auch solche, die zwei zu Schalen aneinander gelegte Hände ausfüllen. Da wird die Gefässkeramikerin eigentlich schon als Bildhauerin greifbar, die sie bei allen anderen Ausformungen mit grösstem Selbstverständnis dann auch ist. Sie begreift sich als Bildhauerin und weiss dies in allen ihren Arbeiten auch zu vermitteln.

Dazu gehören die immer wieder voll erhabener Archaik grossen, auf beiden Seiten leicht gewölbten Schildformen mit präzisen Kerbungen im oberen Rand oder T o r -bogenmotiven unten an den Standflächen. Abschirmende Geschlossenheit signalisieren diese Formen und zugleich auch Transparenz. Ein ähnliches Gefühl erzeugen ihre zuchtvollen quadratischen Reliefs mit den ausgestanzten Mitten, Quadrate im Quadrat, Durchblicke oder Stapelfächer für keramische Kleinformen. Dann die zwei korrespondierenden Stelenformen, die, variabel einander zugeordnet, immer neu in ihrer Stellung zum Licht den Raum definieren. Schließlich die Massaikrieger – s c h l a n k e, minizephalische Wächterfiguren, oft in Gruppen dastehend – stoisch, dunkel und mythisch. Das wäre schon ihr in wenigen Formen streng und konsequent versammeltes Repertoire.

Doch eines fehlt noch – und es b l e i b t ebenfalls als starke Erinnerung an Eva Klinger-Römhild. Es sind die Steine, ihre Steine – auf der Scheibe gedrehte und f r e i verformte Handschmeichler, in allen Grössen bis hin zu grossen Kugeln, zum Teil mit Stempelabdrücken, in vielen grauweissen Tönen, zarten Rosés oder wolkigen Violetts, in manchem den Flusskieseln gleich. Sie schien ein paar Quadratmeter heimischen Inn-Flussbetts ausgeräumt und, mit ruhiger Hand neu einander zugeordnet, 1992 in ihre bemerkenswerte Einzelausstellung nach Schloss Clemenswerth verlegt zu haben, die jetzt Bezugspunkt für meine Erinnerungen ist. Künstliche Steine, keramische Steine mit ganz natürlich wirkenden Glasuren, überzogen von Glasfluss aus den Aschen von Hölzern, zumal Obstholz, sogar Obstkernen, aus Heidekraut und Farnen und aus Gesteinsmehlen: Wolkig weisse Glasuren aus gestossenem und fein zerriebenem Carrara-Marmor und anderen Gesteinsarten. Vielleicht auch von Steinen aus Untersberger Marmor aus der Gegend von Berchtesgaden, fein rosa und mit weisser Äderung, wie sie mir von der Künstlerin vor elf Jahren geschenkt wurden in einer kleinen Kumme mit wolkig weisser Carrara-Glasur über erdig schwarzen Scherben.


Das ist meine tägliche Erinnerung an Eva Klinger-Römhild und ihre so erdverbundene, dabei geistig klar formulierte Kunst, hervorgegangen aus den vier Elementen, wie sie nicht müde wird zu betonen: aus Erde, Wasser, Luft und Feuer.


Wenn ich es recht bedenke, ist doch sehr viel an Erinnerungen zu diesem Werk der Keramikerin und Bildhauerin geblieben.

Eckard Wagner , Juni 2003